Denia
Denia
Ostern 2005. Eine Gruppe von acht unentwegten Rennfahrern und Rennfahrerinnen packte am Karfreitag 2005 Freizeit- und Trainingskleider, einige Snacks sowie ihre Rennräder in einen Mercedes Sprinter Bus namens "Hochi's" und machten sich am Mittag auf den 1600 Kilometer langen Weg nach Spanien.
Ziel der Reise, die schlussendlich 17 Stunden dauern sollte, war der vielen Schweizern bekannte Rentnerferienort Denia, der rund 50 Kilometer nördlich von Benidorm liegt. Die Fahrt führte durch die Westschweiz, quer durch Frankreich und schliesslich der spanischen Mittelmeerküste entlang.
Anfänglich war die Stimmung im Bus noch ausgelassen, alle Mitreisenden waren auf das Kommende gespannt und es stellten sich verschiedene Fragen, über die stundenlang diskutiert wurde. Wie wird die gemietete Villa aussehen? Wird das Wetter einigermassen gut sein? Wie ist der Formstand der verschiedenen Rennfahrer? Werden die neuen Rennräder halten, was sie optisch versprechen?
Der erste Pipi- und Essenshalt wurde in der Westschweiz eingelegt (es git im Ruum Bern denn no Zopfbrot und en Kafi (nur für Insider!)) und Dani gab das Steuer an die Languste Roger ab. Kurze Zeit später senkte sich die Nacht über unseren knallgelben Hochi's Bus und nicht nur die Schatten, sondern auch die Gesichter der Trainingslagerteilnehmer wurden immer länger.
Nachdem sämtliche männlichen Teilnehmer des Trainingslagers einmal am Steuer sassen, erreichten wir am Samstag um ca. sieben Uhr morgens Denia. Wir parkierten direkt am Meer und schälten uns aus dem Bus, um die leicht eingerosteten Glieder (Beine und so...) wieder in Schwung zu bringen. Roger, unser Organisator, hatte mit der Vermieterin abgemacht, dass wir uns nach unserer Ankunft telefonisch bei ihrem lokalen Vertreter (Rönéé) melden sollten. Dies taten wir auch; doch leider schlief René noch, als wir ihn um 07.10 Uhr aus dem Bett (oder wo weiss ich woher) klingelten.
Er könne erst in 90 Minuten beim Lokal sein, vorher gehe nichts, war seine Antwort auf die Frage, wann und wo er uns die Schlüssel übergeben werde. Also hatten wir keine andere Wahl, als uns die Zeit mit Kaffee und komischem Süssgebäck totzuschlagen.
Endlich war es dann so weit! Roger, Sami und Riaz gingen zu René ins Geschäft und kauften nebenbei noch das in der Schweiz vergessene Wichtelgeschenk. Statt "Wie war die Fahrt?" oder dergleichen, brachte René nur ein gequältes HALOOO über die Lippen. Wahrscheinlich lähmte der Alkoholkonsum der vergangenen Nacht seine Gehirnwindungen und Zunge noch ein bisschen... Er hiess uns nachzufahren und jagte mit seinem getunten (4-fach Auspuffanlage) Opel Vectra unserer Mietvilla entgegen.
Entgegen unserer Annahme lag die Villa aber nicht direkt in Denia, sondern im Villenviertel, das sich rund 150 Höhenmeter über Denia an einem Hang mit Blick auf das Meer befindet. Auch der Anfahrtsweg sah sehr vielversprechend aus, vor allem für die dünnen Rennvelopneus. Bestand der Weg doch aus mehr Schlaglöchern als Belag.
Doch auch dieses Hindernis meisterte unser Hochi's souverän und so erreichten wir um 9 Uhr endlich unsere neue Unterkunft (wobei das Wort Unterkunft leicht untertrieben war!!).
Wir staunten nicht schlecht, als René vor einer eingezäumten und von einer Alarmanlage bewachten Villa mit riesiger Parkanlage hielt. Nachdem wir das erste Gebäude betreten hatten, trauten wir unseren Augen kaum. Luxus PUR! Schlafzimmer mit integriertem Bad, zwei Swimmingpools, insgesamt etwa 10 Zimmer und vor allem ein Palmengarten der ganz besonderen Art. Der Garten verfügte nicht nur über drei verschiedene Bars (gefüllt mit allen erdenklichen Getränken zur freien Verfügung), sondern zusätzlich über eine Soundanlage mit Bassröhre, Strobo, Lichtanlage und Rauchmaschine (und natürlich den bereits erwähnten zwei Pools, wobei der grössere sogar beheizbar war).
Nachdem René sich mit seiner Trainingshose und der Fahne wieder vom Acker gemacht hatte, ging es an die Zimmerverteilung. Riaz und Rebecca schlugen als erste zu und reservierten das vermeintlich beste Zimmer. Doch wie sich später herausstellen sollte, war das schöne Bett lediglich eine Attrappe und fuhr je nach Gangart selbständig durch das Zimmer. Ebenso nachteilig erscheint im Nachhinein die sich von Geisterhand schliessende Badzimmertüre, wegen der Riaz ein paar Mal durch das Fenster ausbrechen und einsteigen musste (evtl. war das auch nur ein Vorwand, weil Rebi ihn nicht im Schlafzimmer haben wollte...).
Auch Nadine fand ihr Zimmer schnell; sie war sich nur nicht so sicher, ob sie jetzt mit der grossen Tasche oder Sami im gleichen Bett schlafen wollte. Sie entschied sich schlussendlich für denjenigen mit dem grösseren Sack, äh Stauraum und somit musste Samuel mit Roger und Vicky vorlieb nehmen.
Abschliessend konnten sich auch die beiden "Paare" Christen sowie Samuel aufteilen. Sami bezog zusammen mit Roger und Vicky das zweite Haus auf dem Grundstück, welches direkt am grossen Pool lag und neben zwei Zimmern eine riesige Dusche mit Seitenspühleinrichtung und eine grosse, runde Badewanne beherbergte. Leider war es mir als Präsidenten verwehrt zu protokollieren, was sich zwischen den drei Bewohnern in der Wanne abspielte. Samuel hatte nachher seinen Rasierschaum und den Selbstbräuner verloren und musste sich diese dringend notwendigen Utensilien bei Roger auslehnen.
Am Nachmittag machte sich die Truppe mit Ausnahme von Riaz und mir auf eine Einkaufstour. Wir genossen dagegen lieber die Sonne und schwangen unsere weissen Ärsche in die Liegestühle bzw. in die beiden Swimmingpools. Das Erstaunen war gross, als die Extremshopper zurückkehrten. Der Hochi's war bis unter das Dach vollgestopft! Komisch war auch, dass jemand vergessen hatte, das Wägeli auszuräumen. Stattdessen wurde es kurzerhand ebenfalls eingeladen und auf den Berg transportiert.
Auch die erste Ausfahrt auf spanischem Boden fand noch am gleichen Tag statt. Rund die Hälfte der Teilnehmer fuhr die ersten Kilometer rund um Denia, um das Trainingsgebiet der nächsten Tage besser kennen zu lernen. Nebst der Stadt und den anliegenden Strassen wurden sich auch alle bewusst, dass die Hanglage der Villa nach einer mehrstündigen Ausfahrt evtl. nicht gerade von Vorteil sein würde...
Am nächsten Morgen die erste gemeinsame Ausfahrt. Bis auf kleine Startschwierigkeiten verlief eigentlich alles rund und wir düsten mit bis zu 45 Sachen über die Strassen. Auch die Damen konnten das Tempo gut mithalten. Nach rund 60 Kilometern kehrten wir zum Mittagessen in unsere spanische Trutzburg zurück. Am Nachmittag fuhren diejenigen, die noch Saft hatten, noch zusätzlich 40 Kilometer über den Montgo.
Abends lieferten sich die diversen Kochequipen dann ein Wettkochen, bei dem ich mehr oder weniger der einzige Sieger war, weil ich aus den bekannten Gründen nicht sehr gut zu Fuss war und deshalb nicht helfen musste!! MUOHAHAHA!! Auch die Nächte verliefen grundsätzlich ruhig, wenn man davon absieht, dass das Roger, Vicky, Sami Haus mitten in der Nacht durch Sturmgeläute der Nachbarsdame aus dem Schlaf gerissen wurde. Solosami, dem meinen Vermutungen zufolge die nächtliche Störung gegolten hatte, erwachte nicht einmal, weshalb die Dame im Nachthemd unverrichteter Dinge wieder von dannen zog.
Der nächste Tag verlief ohne grössere Probleme. Die Männer unternahmen eine grössere Runde und fuhren nach Castello, wo die Tour aufgrund des herannahenden schlechten Wetters abgebrochen werden musste. Na ja, immerhin wurden es schlussendlich doch noch 100 km.
Am vierten Tag stand ebenfalls eine grössere Tour auf dem Programm. Riaz und ich (ver-)fuhren uns mehrmals und kehrten nach einigen unfreiwilligen Abstechern ans Meer mit rund 80 km auf dem Tacho wieder zurück. Wir waren jedoch flach wie Flundern und fühlten uns, als hätten wir 180 km abgespult.
Nachdem ausser mir alle Teilnehmer bereits nach der Hälfte des Lagers über Mangelerscheinungen klagten (einige hatten den Scheisser, andere hatten Muskeln verloren und dritte wurden aus unerklärlichen Gründen abgehängt), absolvierte ich am fünften Tag am morgen ein Solotraining über 40 km und den berüchtigten Montgo, wobei ich mit 28 km/h das höchste Stundenmittel der Trainingswoche aufstellte (bei immerhin 600 Höhenmetern).
Am Nachmittag luden wir unsere Fahrräder z.T. in den Hochi's und fuhren erneut Richtung Castello. So hatten auch die Damen die Möglichkeit, diesen sehr schönen Anstieg zu fahren, ohne jedoch die lange Anfahrt in Kauf nehmen zu müssen. Vicky übte sich im Busfahren und hätte ihn beinahe in den Graben gelegt, was jedoch zum Glück der Mitfahrer verhindert werden konnte. Nachher machte sie jedoch alles prima und so konnten wir (mehr oder weniger) zusammen auf den Gipfel fahren (aufgrund des Alkoholkonsums am Vorabend zeigten sich bei dem einen oder der anderen gewissen Temposchwankungen.. grins..).
Auf der Abfahrt zurück ins Tal fotografierte Vicky die tollkühnen Männer und Frauen auf ihren Stahl- bzw. Carboneseln. Vor allem Sami hatte es ihr angetan. Von ihm existieren sicherlich mehrere hundert Fotos und Videos (;-)). Diese Ausfahrt war der Hit, konnten wir uns doch aus dem Begleitbus verpflegen und fühlten uns gleich wie kleine Rennveloprofis.
Um auch die Umgebung kennen zu lernen, fuhren wir gegen Abend mit dem Hochi's Richtung Süden nach Benidorm und genossen die schöne Abendstimmung. Leider war es etwas windig und die Toilette im Geheimtipp etwas verschissen, dafür war mein Eis umso grösser und die auf diesem Ausflug entstandenen Fotos umso schöner. Seltsamerweise stehen in Spanien Schuhverkäuferinnen im Schaufenster; das verstehe ich bis heute noch nicht so ganz.
Auch am zweitletzten Trainingstag fuhren alle zusammen 44 km. Wohin wir genau fuhren, weiss ich leider nicht mehr. Kann aber sein, dass wir dabei den Veloprofi gesehen haben.
Am letzten Tag dann mein persönliches Highlight. Roger hatte seit einem abendlichen Ausflug nach Benidorm und dem Besuch in einem etwas "fettigen" Restaurant Darmprobleme (Muffen fetten nützte nichts mehr...) und konnte leider nicht mitfahren. Erneut wurden wir vom Teambus Hochi's begleitet. Riaz, Sami meine Wenigkeit fuhren den von Roger hoch- und oftgelobten Col des Rattes, der sich jedoch als relativ läppische Bodenwelle entpuppte. Oben auf dem Berg dann das grosse Diskutieren. Ich wollte unbedingt weiterfahren, der Rest zurück und Sandra hatte Angst dass etwas passieren könne, weil ich ja zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht wirklich gut laufen konnte. Zum Glück konnte ich mich durchsetzen und so fuhr ich alleine weitere 100 km. Vorbei an einer wunderschönen Landschaft querte ich mehrere Hügelketten, bis ich in Benidorm erneut an das Meer stiess. Von dort aus fuhr ich der Küste entlang und über den Montgo zurück nach Denia. Am Schluss standen 132,29 km, 27,5 km/h, und 4h48 auf meinem Tacho.
Leider war dies zugleich die letzte Ausfahrt, nachdem es am letzten Tag dann zu regnen begonnen hatte. Trotzdem war das Trainingslager aus meine Sicht ein grosser Erfolg. Ich persönlich konnte bei schönem Wetter 600 km fahren, während es in der Schweiz März noch beinahe schneite und ich nur zwei Monate zuvor meinen Oberschenkel gebrochen hatte. Zudem war auch die Villa und die Umgebung das Geld wert und hat den Zusammenhalt unter den teilnehmenden Mitgliedern verstärkt.
Bevor wir jedoch die Rückfahrt antreten konnten, musste das Haus noch grob gereinigt und anschliessend zurückgegeben werden (à und zwar an Rönéé). Und René erschien tatsächlich mehr oder weniger pünktlich. Er sah aus, als käme er gerade aus der Disco, trug noch die Tschingenschlüpfer, Lederblache und ein Zuhälterhemd und wäre auf den nassen Fliessen beinahe ausgerutscht und in den Pool gefallen. Wäre wirklich lustig gewesen. Die Abnahme selbst war kein Problem, sah René, durch evtl. Drogenkonsum euphorisiert, sowieso alles easy.
Das war's, Klappe bzw. Schiebetüre zu und der Hochi's fuhr 16 Stunden nonstop zurück in die Schweiz. Die Rückreise war hart und ab Zürich konnten sich auch die letzten Mohikaner nur noch dank Red Bull am Leben erhalten. Ups, etwas ging zwischendurch noch verloren! Sami hatte sich, wie in untenstehendem Foto zu erkennen ist, bei einer Zahlstelle in eine Beifahrerin verkuckt. Doch leider gelang es uns nicht, sie bei uns zur Mitfahrt zu bewegen (Sorry Sami!).
Wir, die Teilnehmer der Ausgabe 06, freuen uns bereits heute auf warme und erholsame Tage in der Toskana!

